Kleine Kinder spielen gern (Bauklötzer).
Größre noch viel lieber (klotzen am Bau).
Hier im Gewerbegebiet. Ein Hingucker im Vorbeifahren.
Etwas im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung um das Bahnprojekt Stuttgart 21 entsteht neben den Geleisen am Hauptbahnhof ein Würfel mit 44 Metern Kantenlänge. Er soll die Bibliothek der Stadt beherbergen.
Der Koreaner Eun Young YI ist der Architekt des Gebäudes.
Diese vier Würfel sind an einer Stange befestigt. An beweglichen Lagern befestigt lassen sie sich vom Wind bewegen, folgen also ganz der Bewegung von außen. Die Arbeit des Künstlers George RICKEY (1907 – 2002) war es, die bewegliche Befestigung der Würfel technisch so einzurichten, dass die Bewegung der Würfel im Wind einen schönen Eindruck beim Betrachter hinterläßt. Letztlich werden hier die Bewegungen der Außenwelt am Kunstwerk sichtbar gemacht, gefiltert durch die dafür geschaffene Technik des Künstlers.

Oloid als Wälz- und Belüftungsgerät im Wasser. Abbildungen in: Klaus Ernhofer und Wolfgang Maas: Umstülpbare Modelle der Platonischen Körper (Dornach, CH, 2000)
Paul SCHATZ (1898 – 1979) propagierte ebenfalls eine Verbindung von Kunst und Technik. Sein Ansatzpunkt war die Gestaltung der Technik mit ihren eigenen Mitteln. In diesem Sinn die umgekehrte Richtung, die Rickey einschlug: die Technik sollte hier aktiv und heilsam in die Umwelt wirken.
Die von Paul SCHATZ gefundene Oloid-Technik bringt zum Ausdruck, was hier gemeint ist: mit einem doppelten gegenläufigen rotativen Antrieb wird das Oloid angetrieben. Es bewegt sich rhythmisch (beschleunigend und abbremsend im Wechsel). Damit kommt die (Oloid-Technik) der Bewegungsart entgegen, die das Wasser von sich aus gerne annimmt, wie z.B. die Mäander-Bildung von Wasserläufen zeigt.
Bemerkenswert ist bei Schatz, dass hier ebenfalls der Würfel die Ausgangsform ist: bei der Umstülpung des Würfelgürtels entsteht durch die Bewegung einer Würfeldiagonalen die Oberfläche des Oloids als Raum-Zeit-Form. Ein Kanten-Element muß dazu ortfest gehalten werden. Dabei bleibt der Würfel in seinen geometrischen Elementen (Ecken, Kanten und Flächen) erhalten, wird aber vollständig umgewendet. Das Modell von Werner BUDDE läßt ahnen, wie das gemeint ist.
Ganz allgemein kann man die beiden hier vertretenen Standpunkte als Beispiele sehen, wie der Mensch zu der Welt steht, in der er lebt: einerseits wird er von ihr bewegt, andererseit bewegt er aber auch in der Welt, in dem er in ihr tätig ist. Dabei kann er unterschiedliche Schwerpunkte setzten. Der dynamische Ausgleich zwischen beiden Ansätzen mag als ein ideales Gleichgewicht erscheinen.
Wer Kunst und Wissenschaft besitzt, der hat auch Religion (sagt GOETHE).
Heutige Wissenschaft hat das Ziel wiederholbare Prozesse zu beschreiben, zu messen und auszuwerten. Was aber immer gleich ist, ist (im küntlerischen Sinn) tot.
Kunst hat in den letzten Jahrzehnten viele Facetten bekommen. Doch wird man immer noch sagen können, letztlich geht es um nicht wiederholbares, sondern Einzigartiges: etwas anzustoßen, in Bewegung zu versetzen und damit beweglich und lebendig zu machen.
Beide Prinzipien, die im Ansatz betont analytische, wissenschaftliche Methode, und die mehr synthetische Methode der Kunst gleichgewichtig zu vereinen: das kann sehr lohnend sein. Darin liegt nach GOETHE etwas, das Religion hat (im Sinne von religio in etwa: Rückbezügliches zum Göttlichen).
Das Oktaeder-Kreuz auf dem Dach des Ökomenischen Zentrums an der Universität Bochum hat von allem etwas: seiner Funktion nach soll es auf einen Ort aufmerksam machen, an dem Religion gepflegt werden soll, ökomenisch, also überkonfessionell. Dafür wurde der dresscode der Kirche, die Kreuzform, freier gefaßt, als man das sonst von Kirchen kennt. Die küntlerische Umsetzung dieses Vorhabens bedient sich eines wissenschaftlichen Betrachtungs-Gegenstandes, eines geometrischen Körpers, dem Oktaeder. In seiner Mitte das räumliche Achsenkreuz, das in dreidimensionalen Graphiken im wissenschfatlichen Betrieb eine wesentliche Rolle spielt. Und das (sonst zweidimensionale) Kreuz ist um eine dritte Raumesrichtung erweitert.
Der Würfel und das Maß des Menschen: hier visualisiert an der Fassade des Bauhaus-Transferzentrums Design (“NEUFERT-Box”) in Gelmeroda/Weimar. Wie eine neuzeitlich geliftete Neuauflage von Leonardos vitruvianischen Menschen im Kreis.
Auch im Neuen Testament finden sich beiden Begriffe Maß und Mensch: ganz zum Schluss, in der Offenbarung des Johannes. Es ist von der ewigen Stadt, dem sogenannten Neuen Jerusalem die Rede, in der Breite, der Länge und in der Höhe in jeweils gleicher Länge (Würfel). Dies wird dort zugleich als das Maß des Menschen bezeichnet.
In ganz anderer Weise läßt sich der Würfel beispielweise aus Ton formen: Wenn man zunächst eine Kugel platiziert, und diese dann von einer Hand in die andere legt unter leichtem Druck. Die Stellung der Finger zur jeweiligen Handfläche in einer ganz bestimmten Haltung belassend. Nach und nach wird aus der Kugel ein Würfel. Dann formt das Maß der menschlichen Hand, einer Guß- oder Pressform ähnlich, den Würfel.
Weltweit finden Raumfachwerke (RFW) Verwendung. Seit den 1930er Jahren verbindet man Raumknoten mit Rohren zu Raumfachwerken, insbesondere für Dachkonstruktionen. Dabei sind die Raumknoten unter bestimmten Winkeln angebort und mit einem Innengewinde versehen, in die die Rohrelemente eingeschraubt werden können.
Der Markenname MERO bezeichnet dabei zweisilbig die Abkürzung des Erfindernamens Max MENGERINGHAUSEN (ME) und der Rohrbauweise (RO). Das 1928 in Berlin gegründete Unternhemen hat seinen Sitz heute in Würzburg. Bekannte Beispiele für eine Anwendung dieser Technik sind der Berliner Hauptbahnhof und der Fernbahnhof des Frankfurter Flughafens.
Berlin ist eine Reise wert – und nicht nur eine. Wer an dem neuen Kreuzungs-Hauptbahnhof ankommt (Hochbahnhof, von Westen kommend) sieht aus dem linken Zugfenster in Fahrtrichtung dieses grazile Oktaedergerüst.
Falls man nicht schon mit dem Aussteigen beschäftigt ist. Das macht aber auch nichts, denn zumindest von dem westlichen Bahnsteigende kann man dieses Gerüst sich in aller Ruhe ansehen, ohne gleich aus dem Zug zu fallen.
Wer im Tiefbahnhof ankommt wird es sehen können, wenn er auf die S-Bahn umsteigt. Oder von Ferne auch vom Regierungsviertel aus.
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